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18. Dezember 2019 - In Deutschland sind etwa 13 Prozent aller Unfälle mit Verunglückten auf den Einfluss von Alkohol zurückzuführen. Europaweit sterben pro Jahr noch immer über 25.000 Menschen bei Alkoholunfällen. Um über die Risiken des Fahrens unter Alkoholeinfluss und Lösungen zu diskutieren, lud der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR), gemeinsam mit dem Verband der TÜV (VdTÜV) und dem European Transport Safety Council (ETSC) gestern zum „Safe and Sober“-Talk in die Vertretung der Europäischen Kommission in Berlin ein.

Vision Zero muss konsequent umgesetzt werden

Christian Kellner, DVR-Hauptgeschäftsführer, erklärte in seiner Begrüßung, dass Alkoholfahrten zwar immer seltener stattfänden, aber nach wie vor ein Problem seien. „Auch Radfahrer und Nutzer von E-Scootern fahren unter Alkohol. Das ist ein Risiko, das muss sich ändern.“ Er forderte die Regelwerke weiterzuentwickeln und über neue Möglichkeiten der Prävention nachzudenken, die insbesondere auch junge Menschen erreichen. Dem stimmte Joachim Bühler, Geschäftsführer des VdTÜV zu. Lange Zeit habe man das Gefühl gehabt, in Deutschland laufe es gut mit der Verkehrssicherheit, sagte er. Die unzähligen Alkoholunfälle, auch mit E-Scootern zeigten, dass dem nicht so sei. Direkt an die Politik gerichtet forderte er, die Vision Zero konsequent umzusetzen. Im Falle von Alkohol bedeute das u.a. auch, die Promillegrenze bei der MPU zu senken.

Alkoholunfälle: Null-Toleranz-Politik ist ideal

In seinem Vortrag forderte Antonio Avenoso, Chef des ETSC u.a. von den Mitgliedstaaten der Europäischen Union, die Alkohollimits zu senken. Ideal sei eine Null Toleranz-Politik: „Wer trinkt fährt nicht und wer fährt trinkt nicht“, so Avenoso. Zudem müsse das Bewusstsein für die Risiken des Fahrens unter Alkoholeinfluss gesteigert werden, beispielsweise mit Kampagnen. Auch eine erhöhte Verkehrsüberwachung, sowohl objektiv als auch subjektiv helfe, das Fahren unter Alkoholeinfluss zu senken. Alkohol-Interlocks und Alkohol-Interlock-Programme seien ebenfalls geeignete Maßnahmen, um die Zahl der Alkoholfahrten und Alkoholunfälle zu vermeiden.

Schweden: Alkohol-Interlock-Programm erfolgreich eingeführt

Dass Alkohol-Interlock-Programme wirkungsvoll sind, machte Pär-Oka Skarviken von der Swedish Transport Agency deutlich. Nach einer erfolgreichen Testphase Ende der 1990er-Jahre ist das Programm mittlerweile gesetzlich verankert. Skärviken betonte, dass sich durch die Kombination des Alkohol-Interlock-Geräts mit einer individuellen medizinisch-psychologischen Betreuung der Teilnehmenden sehr häufig Verhaltensänderungen einstellten und dadurch weniger Alkoholfahrten stattfänden.

Dr. Charles Mercier-Guyon, Medizinexperte beim ETSC lobte Schweden für sein fortschrittliches Programm. Seiner Ansicht nach sei ein solches Alkohol-Interlock-Programm die einzig sinnvolle Möglichkeit eine nachhaltige Verhaltensänderung bezüglich Alkohol im Straßenverkehr zu bewirken. Das Beispiel Frankreich zeige eindrücklich, dass hohe Geld- und Haftstrafen allein nicht ausreichten, um Alkoholfahrten zu verhindern.

Technische Standards für Alkohol-Interlock-Geräte sind notwendig

Wie genau Alkohol- Interlock-Geräte funktionieren, wo sie in Fahrzeugen angebracht werden und welche Wirkung sie auf die Teilnehmenden haben, erklärte Olof Hanssen von der Firma ACS, einem schwedischen Hersteller von Alkohol-Interlock-Geräten. Dr. Stefan Morley von der Firma Dräger erörterte, welche technischen Standards für Alkohol-Interlock-Geräte seitens der Europäischen Union gesetzt werden, wie sie zustande kommen und wohin sie sich in Zukunft entwickeln werden.

Prof. Kurt Bodewig, Präsident der Deutschen Verkehrswacht, sagte, noch immer beruhe der Umgang mit Alkohol in Deutschland auf dem Laissez-Faire-Prinzip. Das müsse sich ändern. Alkohol gehöre nun einmal nicht in den Straßenverkehr. Um das deutlich zu machen, brauche es eindeutige und klare Aussagen.

Alkoholfahrten verhindern: Null-Promille-Grenze notwendig

In der darauf folgenden Diskussionsrunde mit Dr. Simone Klipp von der Bundesanstalt für Straßenwesen, Dr. Don DeVol, Leiter des Instituts für Verkehrssicherheit für den TÜV Thüringen und Toxikologe Prof. Dr. Thomas Daldrup wurde sich über eine Null-Promille-Grenze und Alkohol-Interlocks ausgetauscht. Institutsleiter Dr. Don DeVol verwies hinsichtlich der Null-Promille-Grenze auf die repräsentativen Befragungen aus vergangenen Jahren, die unabhängig voneinander durch den DVR und den TÜV in Auftrag gegeben worden seien. Dabei habe sich die Mehrheit der Befragten für ein Alkoholverbot im Straßenverkehr ausgesprochen. Weiterführend waren sich die Diskussionsteilnehmenden darüber einig, dass Alkohol-Interlocks zur Erstausrüstung von Fahrzeugen dazu gehören sollten.

 

 

Abschließend stellte Antonia Tappe des An-Instituts MISTEL der Hochschule Magdeburg Stendal das „PEER-Projekt an Fahrschulen“ vor. Das Projektziel sei Fahranfänger noch vor dem Führerscheinerwerb, über die Gefahren von Alkohol und Drogen im Straßenverkehr zu informieren und aufzuklären. Dafür gebe es sogenannte Peers - junge Menschen, die selbst erst seit kurzem eine Fahrerlaubnis haben - die jährlich mit ihrer Arbeit über 10.000 Fahrschüler erreichen. Auch auf europäischer Ebene wurde das Projekt mit „PEER-Drive Clean!“ neben Deutschland u. a. in Belgien, Estland und Italien erprobt und habe sich erfolgreich etabliert.

 

Die Moderation für den „Safe and Sober“-Talk übernahm Marco Seiffert vom rbb.